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- Jahreskarte 1996

Foto:
WINDFAHNE, ENGEL, Kupfer, geschnitten, 1961. Privatbesitz Süchteln,
Höhe mit Fahnenstange ca. 240 cm,
Werkverzeichnis S. M. Schilling, Köln 1987, Nr. 518, S. 266.

Jahreskarte 1996 als

EWALD MATARÉ

geboren 1887 in Aachen - Burtscheid - 1965 gestorben in Meerbusch-Büderich

"Ein beflügeltes Herz weist den Weg zum Himmel", so könnte man die Formen der durchbrochenen und aus mehreren Teilen zusammengesetzten Kupferplatte deuten, in die Mataré den von seinem Süchtelner Auftraggeber gewünschten Schutz- und Führengel eingebildet hat. Der Form eines liegenden und sanft aufsteigenden Herzens, verbunden mit der frohen Botschaft des Engels, assoziiert sich aber in der Gestaltung des Oberkörpers des zweiflügeligen Leibes die Form einer Zahl, der 3 in zeichenhafter Flächigkeit. In deren Zentrum, wo Leib, Arm und Kopf des Engels zusammenkommen, scheint eine Kreuzform durch, die Mataré zu anderer Zeit und in anderem Zusammenhang entwickelt hat.
Matarés Formensprache zeigt sich in diesem Spätwerk aus dem Jahre 1961 in gedankenreicher Fülle. Zentrale Inhalte des christlichen Glaubens wie die göttliche Dreieinigkeit und das Kreuz werden hier mit der körperlosen Erscheinung des Engels am Himmel verbunden, der als rein geistiges Wesen und zugleich als göttlicher Bote (angelus) seiner richtungsweisenden Aufgabe (Stern Davids) folgt. Gedanken an Verkündigung und an Weihnacht, verbunden mit den Namen der drei Engel, die wir als einzige kennen, Gabriel, Michael und Raphael, liegen hier nahe. Die Formensprache des Süchtelner Engels begegnet uns auch in anderen, bedeutenden Arbeiten von Ewald Mataré. Zwischen dem vollplastischen Engel auf dem Dach des Münsterschatzhauses in Essen aus dem Jahre 1956 und dem steinernen Mahn- und Ehrenmal für die Opfer des ersten und zweiten Weltkrieges in Fulda aus dem Jahre 1962, das den Gestus von Hand und Kopf des Engels im Relief isoliert ausbildet, vermittelt der Süchtelner Engel als selbständige Skulptur. Negativformen und Positivformen sind dabei als zusammenwirkende Gestalteinheit anzusehen. Trotz der Durchbrochenheit und Zusammengesetztheit der Scheibe hat Mataré hier zu einer ruhigen, unendlich fließenden Gestaltbildung gefunden, in der nicht die Brüche, sondern die Einheit einer umlaufenden Linie die Form im Ganzen charakterisiert.
Ewald Mataré hat seit etwa 1920 einen singulären Weg aus den zeitgenössischen Strömungen der Bildenden Kunst heraus eingeschlagen mit dem Ziel, nicht etwa ein neues Extrem Bildender Kunst im Sinne des Expressiven, des Abstrakten oder des Konstruktiven zu finden, sondern eine neue, aussagestarke und zeichenhafte Gestalrungsweise auszubilden, die tragfähig ist, große bildnerische Aufgaben mit wesentlichen Gedanken unserer geistigen Kultur sinnfällig zu vermitteln. Darin ist er ein großer Einzelgänger geblieben.

Joachim Peter Kastner