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- Jahreskarte 2017

Hanns Josef Kaiser

Hanns Josef Kaiser wurde 1920 in Dülken geboren. Er studierte von 1937 bis 1940 an der "Meisterschule des deutschen Handwerks" in Krefeld. Dort lernte er seine spätere Frau kennen. Nach der Kriegsgefangenschaft in der französischen Provence (bis 1947) entstand sein umfangreiches künstlerisches Werk, das in zahlreichen regionalen, nationalen und internationalen Ausstellungen Weite Beachtung fand. Zahlreiche Arbeiten für den öffentlichen Raum - Mosaiken, Wandbilder, Fenster, Portale - trugen wesentlich zu seiner künstlerischen Bedeutung bei. Neben der künstlerischen Arbeit unterrichtete er viele Jahre am Humanistischen Gymnasium in Viersen im Fach Kunst.
Hanns Josef Kaiser starb am 15. Januar 2017.

Jahreskarte 2017 als

Hanns Josef Kaiser war ein passionierter Sammler. Er sammelte Briefmarken, allerdings mit einer eigenen Ordnung, vorwiegend nach Motiven und Ästhetik. Ähnlich verfuhr er mit Münzen. Er sammelte Muscheln und Schneckenhäuser, große Vogelfedern, Reiseandenken aus Blech, darunter fünfzehn Kölner Dome und zehn Eiffeltürme jeweils in verschiedenen Größen. Er sammelte zwei Schubladen randvoll mit Kartenspielen aus aller Welt, abgelaufene Pfennigabsätze von Damenschuhen, Stanníolkäppchen von Weinflaschen, Flaschenkorken, Kronkorken, Feuersteine, rote, schwarze und braune Steine, vom Meer rund geschliffene Glasscherben, verrostete Werkzeuge, Zinnsoldaten, skurrile Glasflaschen, Orden und Wappen, Puppenköpfe, -arme und -beine, Zahnräder. Eine kleine, von ihm wunderbar arrangierte Sammlung habe ich erst nach seinem Tod in seinem Atelier entdeckt: ein Rudel kleiner Plastikkängurus, die jeweils eine für ihre Größe gewaltige Glasmurmel vor sich her zu rollen scheinen, - eine unglaubliche, verrückte Versammlung. Wer kommt auf so etwas?
Hier wird unmittelbar der geistige Quantensprung vom Sammeln zum kreativen Denken und Handeln sichtbar und man erkennt den Sinn der Sammlungen von Hanns Josef Kaiser. Nie waren sie Selbstzweck. Es ging nicht ums Besitzen, nicht ums Komplettieren, schon gar nicht um Wertsteigerung. Es ging immer um Kunst. Hanns Josef Kaiser konnte alles, was ihm in die Hände fiel, in Kunst verwandeln.
Einige Sammlungen (z. B. das Stanniolblech, die Pfennigabsätze, die Zahnräder) waren direkte Depots für seine Materialbilder. Andere Sammlungen (z. B. die Federn und Steine) waren aktive oder zukünftige Bestandteile des über viele Jahre gewachsenen Gesamtkunstwerks Dachgarten. Die meisten Sammlungen, so scheint es mir, hatten vor allem die Aufgabe, Gedanken und Phantasie freizusetzen. Sie dienten dem Künstler dazu, sich immer wieder neu inspirieren zu lassen, und zwar in völlig unkontrollierter Weise - zu witzigen Objekten, phantastisch-phantasievollen Aquarellen, genial-verrückten Assemblagen, zu abenteuerlichen Gedanken- und Wortspielen.
Was passiert, wenn der einzigartige Kölner Dom gleich fünfzehn Mal neben Eiffeltürmen, Hermannsdenkmälern und Empire State Buildings steht? Was geschieht, wenn man einige Dutzend abgetrennter Puppenarme und -beine in einen Vogelkäfig sperrt? Darf ein verrosteter Christuskorpus auf Hammer und Sichel, beide ebenfalls verrostet, treffen? Was treibt den Zug der Sisyphos-Kängurus an? Das sind die Fragen, mit denen sich Hanns Josef Kaiser angesichts seiner gesammelten Gegenstände konfrontiert sah und für die er in seinen Werken immer wieder neue, verblüffende, künstlerisch überzeugende Antworten gefunden hat.
Stefan Kaiser