Skulpturen

Matta - Chaosmos

Auf Grund des nachfolgenden, von Dr. Joachim Peter Kastner erarbeiteten Vorschlags, wird die "Skulpturensammlung Viersen" um eine Skulptur von Roberto Sebastian Antonio Matta Echaurren erweitert werden.

Für den im architektonischen Denken und Vorstellen ausgebildeten Matta geht es schon sehr früh - in den 30er Jahren - darum, im Gegenteiligen sich zu behaupten, sich vom festen Raumgefüge ebenso wie von geschlossenen, funktionalen Körperformen zu lösen und statt dessen fließende Verläufe und Bewegungen, veränderliche Körpergebilde und unvorhersehbare Gestaltungen zu suchen und festzuhalten. In Zeichnungen und Gemälden gelingt es Matta, Körper und Raum bzw. Räume in ein Kontinuum ständigen Wechsels momentan festgehaltener Übergangsformen zu bringen. Der Bildraum wird dabei zur Galaxis, zum Weltraum unterschiedlichster, vergänglicher Erscheinungen.

Der visionäre Charakter der im Verlauf vieler Jahrzehnte immer wieder neu entworfenen Raumbilder Mattas scheint im allgemeinen Bewußtsein bereits seine volle Akzeptanz gefunden zu haben, wenn es wahr ist, dass Matta der "Maler des Krieges der Sterne" sein soll (W. Schmied, 1981).

Der Bildhauer bzw. Plastiker Matta hat diese Möglichkeiten nicht. Ihm sind statt dessen Grenzen gesetzt. Das plastische Ding bleibt ein realer Körper im Raum und seine Einheit unterscheidet sich prinzipiell von allen gemalten Dingen seiner reichen Erscheinungswelt durch Vereinzelung und Geschlossenheit, durch seine Schwere und durch seine körperliche Begrenztheit.

Wie eine trotzige Antithese scheint da der Titel gemeint zu sein: CHAOSMOS, mit seiner Welt umfassenden Begrifflichkeit, zumal hier zwei gegensätzliche Aussagen, nämlich Chaos = Unordnung und Kosmos = Ordnung, spielerisch und doch mit überraschender Selbstverständlichkeit zusammengefügt sind. Das universelle Chaos und die universelle Ordnung sollen in diesem Körper zugleich zur Sprache kommen. Und mehr noch: Das rationale Prinzip synthetischer Ineinsbildung antithetischer Prinzipien fällt hier zusammen mit dem surrealistischen Vergnügen am Zufall und seiner Möglichkeit einer überraschenden Zusammenführung willkürlich vorkommender, fremder Entitäten und der hierin liegenden Tendenz zu ausufernder Verschwendung. In den Gemälden ist dieser Tendenz leicht nachzukommen. In der Plastik muss Matta sich intelligent beschränken, um zu vergleichbaren Aussagen zu kommen.

CHAOSMOS tritt uns als eigentümlich zoomorph erscheinendes Gebilde von polypenhafter Körperlichkeit entgegen, dessen offensichtliche Hohlheit mit seiner abwechslungsreichen Oberflächengestalt deutlich kontrastiert.
Tatsächlich scheint dieser Körper nur aus Wandung zu Bestehen, die weich und wechselhaft quellend, geöffnet und durchkreuzt eindrücklich lebt. Ohne Stehvermögen folgt sie - nur flüchtig festgemacht - einer großen allgemein fließenden Bewegung. Auf der wechselhaft an- und abschwellenden Oberfläche sitzen, wie zufällig verstreut, kleine, an den vorspringenden Formteilen goldglänzend schimmernde, kugelförmige "Parasiten" und schauen uns als roßgesichtige Wesen an. Sie sind viel konkreter in Form und Blick als das große Gebilde selbst und wirken ornamental vereinfacht und funktionalisiert, in Gestalt und Ausdruck wie kleine Blutegel etwa auf der großen Fläche eines muskulösen Männerrückens.
Tatsächlich zeigt das Polypenwesen anthropomorphe Züge, ein übergroßes Gesicht mit riesig breitem Maul über einem winzigen Oberkörper und noch kleineren verkümmerten Beinen. Eben das, was unsere Körperlichkeit kennzeichnet, Selbständigkeit, symmetrische Bildung, Konstruktivität und Proportion, fehlen dieser Plastik ganz. Scheinbar zufällig, wenn auch sehr eindrücklich, wird über den großen, ausgeprägten "Gesichtsausdruck" der anthropomorphe Zug vorgebracht.

An olmekische Greisenkinder der vorkolumbianisch-mittelamerikanischen Kultur erinnert diese plastische Kombination unterschiedlicher Leiberscheinungen. Das greisenhafte Baby oder der babygesichtige Greis überspringen die Zeitabläufe im einfachen Sinne und werfen den Gedanken an eine Gleichzeitigkeit des Vergehens und Werdens auf. Als Gestaltung im transitiven Sinne sollte man diese Plastik auffassen. Das generative Moment liegt nicht nur im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Körper, sondern im Körperlichen selbst als einem von unterschiedlichen Momenten durchdrungenem werdenden Bild, das wesentlich Vorgang und Erscheinung ist.

         
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In der Viersener Skulpturensammlung ist ein derart generatives Moment bisher nicht vertreten. Hier dominieren bisher vor allem die sog. technischen Aspekte des Bauens und des Statutarischen, der Struktur und der Balance und ihre Zeichenhaftigkeit als elementare skulpturale Formentscheidungen. Selbst der "flüssigen" Plastik eines K.H. Hödicke liegt das klassische Motiv der Bildsäule und ihres elementar-körperlichen Aufbaus zugrunde.
Mit Mattas CHAOSMOS kommt ein zoomorphes Element hinzu, indem die Bedingung der Möglichkeit des Plastischen völlig neu thematisiert wird. Körperlichkeit wird als generatives Entwicklungsmoment gesehen. Das Durchdrungenwerden im körperlichen Sinne, die Hohlheit und der äußere Raum, die Applikationen und die wie im Vorgang der Zellteilung nach Innen gewölbten, plastischen Einbildungen deuten eher auf das Entstehenlassen von Zellen, Gliedern und Körperlichkeit als auf seine unwiderrufbare Finalität. Nichts ist hier endgültig, auch nicht der "Ausdruck", dessen Ursprünglichkeit in der körperlichen Bildung als einem biomorphen Prozess sich unterschiedlich ausbildender und durchkreuzender Lebensvorgänge liegt - jenseits oder besser vor der endgültigen Trennung und Unterscheidbarkeit dessen, was innerlich und äußerlich, symmetrisch oder konstruktiv, Funktion und Ursache oder Resultat bzw. Ergebnis unterscheidbarer Handlung sein kann. Hier liegt diese Ordnungsmöglichkeit noch dem ursprünglichen Entstehen immanent, in nuce gleichsam sich entwickelnd.

Über 20 Jahre konnte diese Plastik reifen, bis sie Anfang der 90er Jahre endgültig als Bronzeguss fixiert wurde. Es ist faszinierend zu sehen, wie es Matta, dem großen alten Meister der surrealistischen Kunst, gelingt, außerhalb der Dominanzen der zeitgenössischen Plastik diese zu unterlaufen und ganz neu ein generatives Moment plastischer Möglichkeiten zu finden. Mit CHAOSMOS wird die Viersener Skulpturensammlung um ein wesentliches und ursprüngliches Moment des Plastischen reicher.